Danke Papa / Onkel Helmut
Ein Pistenclub-Urgstein setzt sich zur Ruhe
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Text | Fotos:Felix Aretz
Liebe Leser, mein Name ist Felix Aretz und ich bewege mich seit inzwischen mehr als 20 Jahren im Pistenclub-Universum. Jetzt habe ich mich gerade selbst erschrocken, wenn man bedenkt, dass das mehr als die Hälfte meines Lebens ist. Was ich beim Pistenclub mache? Vor meinem 18. Geburtstag war ich nur Beifahrer, dann habe ich selbst aktiv an zahlreichen Trackdays teilgenommen. Mit der Geburt meiner Tochter haben sich die Prioritäten dann etwas geändert, sodass ich meinen tracktauglichen BMW M3 im Jahr 2021 verkauft und den Helm an den Nagel gehängt habe. Seitdem bin ich eher im Hintergrund aktiv, administriere unter anderem unsere Website und wirke aktiv am Clubmagazin mit. Doch in diesem Beitrag soll es gar nicht um mich gehen, denn die wenigsten von euch werden mich persönlich kennen.
Wen aber viele von euch kennen, ist mein Papa Helmut. Zumindest, wenn ihr mal an einem Trackday auf dem Hockenheimring, Nürburgring, in Oschersleben, Groß Dölln, Spa, Imola, Monza, Mugello, am Red Bull Ring, Salzburgring, in Zandvoort, Dijon oder auf dem Slovakiaring teilgenommen habt. Helmut kam vor mehr als 20 Jahren zum Pistenclub. Leider gab es zu der Zeit noch keine Smartphones und Fotos mit automatischem Geotagging, sodass alle hier genannten Daten eher grobe Schätzungen sind. Doch fangen wir ganz vorne an.
Mein Papa, damals noch Inhaber einer Firma für Schaltanlagenbau, erfüllte sich in meinem Geburtsjahr 1987 den Traum vom eigenen Ferrari: einem 328 GTS. Doch die Freude währte nicht lange, denn das Auto fiel einem unverschuldeten Unfall auf der Autobahn zum Opfer. Zum Glück blieb es beim Blechschaden. Der GTS wurde schnell durch einen neuen 328 GTB ersetzt. Doch bei dem einen Sportwagen sollte es nicht bleiben. Über die Jahre (und mehrere Garagen) kamen und gingen Highlights wie 512 TR, 512 BB, 348, 400i, diverse Mondial und 550 Maranello. Sogar ein Lamborghini Diablo war zwischenzeitlich dabei (der angeblich nur bestellt wurde, weil ich auf der Essen Motor Show eine Nikolaustüte am Stand von Lamborghini Kremer geschenkt bekommen habe und mein Papa deshalb ein schlechtes Gewissen hatte). Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Mein Papa ist niemand, der mit seinen Autos auf der Düsseldorfer Königsallee gesehen werden oder auf der Autobahn Top-Speed fahren wollte (obwohl der Diablo laut eigener Aussage laut Tacho knappe 340 lief). Es ging ihm immer auch um den Fahrspaß. Doch so etwas wie Trackdays gab es in den 1990er-Jahren in Kontinentaleuropa noch nicht. Die einzige Möglichkeit, seinen Ferrari auf einer echten Rennstrecke zu bewegen, bot sich nur an, wenn einer der großen deutschen Ferrari-Händler wie Auto Becker ein entsprechendes Event organisierte. Doch die waren meist auf den typischen Ferrari-Fahrer zugeschnitten, sodass neben dem sportlichen Fahren oft auch luxuriöse Abendessen in tollen Hotels und geführte Shopping-Touren für die Begleiterinnen im Vordergrund standen. Das (negative) Highlight war eine mehrtägige Tour nach Italien, bei der das geplante freie Fahren in Mugello abgesagt wurde, da die meisten Teilnehmer stattdessen zum Bummeln nach Florenz gefahren sind.
Da kam ihm eine Info von seinem Freund Dietmar ganz recht. Über eine Anzeige in einer Zeitschrift hatte er von einem gewissen Pistenclub erfahren, der auf einem Flugplatz Drift-Trainings für alle interessierten Sportfahrer anbot. Der nächste Termin passte, die Gebühr war überschaubar, die Anmeldung folgte direkt. Und so ging es (es müsste zwischen 2001 und 2003 gewesen sein) im Ferrari 512 TR mit mir auf dem Beifahrersitz nach Bitburg. Geleitet wurde das Event vom Pistenclub-Vorsitzenden Ralph Burstedde, der mit seinem Porsche 993 RS selbst noch aktiv am Steuer saß. Dabei waren neben den Mitgliedern der ersten Stunde (unter anderem Andreas Henschkowski und Guido Rösch mit ihren Porsche 964) auch Ehrenmitglied und der ehemalige Instruktor Kurt Thiim (der im Jahr 1986 die erste Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft gewinnen konnte). Leider stellte sich heraus, dass das Sportgerät, der Ferrari 512 TR, doch etwas zu groß und schwer für die engen, mit Pylonen abgesteckten Handlingparcours war. Trotzdem konnte das Event und vor allem die nette Atmosphäre beim Pistenclub überzeugen – es sollte nicht das letzte Event bleiben. Nur der Testarossa sollte fortan verschont bleiben.
Stattdessen stand ein großer Markenwechsel an. Neues Sportgerät sollte eigentlich ein 360 Modena werden – mit allen sportlichen Optionen, die man ab Werk bekommen konnte, wie Schalensitzen und Überrollbügel. Leider bestand der Händler nach Vertragsunterzeichnung auf nachträgliche Anpassungen des Vertrages, wodurch dieser im Endeffekt nicht zustande kam. Stattdessen gab es – wieder von Freund Dietmar – einen Impuls. Der hatte sich nämlich gerade einen Porsche 996 GT3 gekauft. Und der war so begeistert, dass mein Papa ebenfalls zu Porsche wechselte und sich einen silbernen 996 Carrera 4S bestellte. Um dann schnell festzustellen, dass das Auto aufgrund des durch den Allradantrieb höheren Gewichts in jeder Fahrsituation dem GT3 deutlich unterlegen war. Also wurde der recht zügig gegen einen gelben 996 GT3 (erste Serie) eingetauscht. Und der wiederum sollte bald durch einen ebenfalls gelben 996 GT3 der zweiten Serie ersetzt werden.
Und mit genau diesem speedgelben GT3 durfte ich meine ersten Runden auf einer echten Rennstrecke drehen. Im Jahr 2005 (ich war inzwischen 18) auf der legendären Ardennen-Achterbahn in Spa-Francorchamps. Ich muss euch, glaube ich, nicht erzählen, welcher Verein diesen Trackday ausgerichtet hat.
Dieses Event gab unserer Beziehung zum Pistenclub einen neuen Schub. Papa konnte sich als Selbstständiger seine freien Tage einteilen und mir standen nach Abschluss der Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung 30 Tage Urlaub zur Verfügung, die ich (mangels Freundin oder sonstiger Verpflichtungen) zum Großteil für Trackdays verwenden konnte.
Und so traten wir in den folgenden Jahren zahllose Trackdays beim Pistenclub an. Auf dem Hockenheimring, Nürburgring, Spa und Zandvoort fühlten wir uns wie zu Hause. Highlights waren Events im benachbarten Ausland wie Dijon, Magny-Cours, Monza und Imola. Ein weiteres Highlight war außerdem der Umstieg vom Porsche 996 GT3 auf 997 GT3 RS, wieder in einer knalligen Farbe: Blutorange.
Eine Sache solltet ihr noch wissen: Mein Papa ist kein typischer Autosammler mit endlosem Budget. Die Autos hat er sich hart erarbeitet und ist dabei immer bodenständig geblieben. Diese Einstellung sorgte auch für mein persönliches automobiles Highlight. Wenn wir zusammen beim Trackday waren, haben wir uns seine Autos immer geteilt. Doch als der Satz „Erwarte aber nicht, dass du mit meinem Auto alleine zum Ring fahren darfst“ fiel, war klar, dass ich ein eigenes Sportgerät brauchte. Aber nicht ganz ohne Bedingungen. Trackday-Nenngelder konnte ich mir mit meinem damaligen Job nicht leisten und in der einen Hinsicht wollte Papa mich (zu Recht) nicht unterstützen. Wo er mich aber unterstützte: Er setzte sich beim Pistenclub dafür ein, dass ich bald zum Team gehörte. Denn wie sich herausstellte, konnte ich den Porsche nicht nur zügig bewegen, ich konnte auch gut erklären. Und so war ich bei vielen Drift-Trainings in Bitburg und Groß Dölln, aber auch bei Trackdays auf etlichen Strecken als Instruktor vertreten. Und wenn ich gerade nicht instruieren musste, konnte ich selbst hinterm Lenkrad Platz nehmen. So konnte ich mir meine Fahrzeit quasi direkt beim Event erarbeiten. Als das geklärt war, stand meinem eigenen Sportgerät nichts mehr im Wege: Ein BMW M3 der Baureihe E30 sollte es werden. Der war damals nämlich noch unverschämt günstig zu bekommen.
Aber wie schon eingangs erwähnt: Um mich soll es hier gar nicht gehen. Gemeinsam (und manchmal auch alleine) waren wir also auf so ziemlich allen Rennstrecken unterwegs, die über die Jahre im Terminkalender des Pistenclubs auftauchten. Und zeitweise war ich sogar häufiger bei Pistenclub-Events als er. Doch mit dem Verkauf seiner Firma hatte er schlagartig mehr Langeweile Zeit. Aber im Rentenalter muss man nicht mehr jeden Stint voll ausnutzen, um Spaß an einer Veranstaltung zu haben, manchmal ist das reine Dabeisein auch schon viel wert. Und so wurde auch er fester Bestandteil des Organisationsteams. Mit seinen Lkw transportierte er regelmäßig Equipment zu den Veranstaltungen und saß dort selbst an der Anmeldung.
Ein letzter Wechsel des Sportgeräts sollte noch anstehen. Im Oktober 2015 holten wir gemeinsam in Stuttgart einen ultravioletten 991 GT3 RS in Stuttgart ab, nachdem der 997 GT3 RS die meisten seiner Kilometer problemlos auf diversen Rennstrecken angesammelt hat. Und mit diesem GT3 RS sollte einige Jahre später die Ära Pistenclub für uns zu Ende gehen. Und was soll ich sagen? Mein alter Herr hat länger durchgehalten als ich. Während sich meine Prioritäten (Kind, Frau, Haus) verschoben haben, nahm er den GT3 weiter mit zu den Events. Doch die Zeit geht nicht spurlos an einem vorbei. Nicht nur das hohe Alter sorgte dafür, dass das zügige Fahren auf Rennstrecken nicht mehr so unbeschwert ging wie noch wenige Jahre zuvor, auch eine Parkinson-Diagnose war ein deutliches Zeichen, wortwörtlich den Fuß vom Gas zu nehmen. Und dennoch: Die Langeweile freie Zeit war weiterhin da, ebenso wie die Lust, „einfach dabei zu sein“. Und so begrüßte euch mein Papa auch weiterhin bei zahlreichen Events am Kassentisch. Auch wenn die Events etwas selektiver wurden. 2025 gehörte er noch zur Stammbesetzung in Österreich (Salzburgring und Red Bull Ring), sowie gemeinsam mit Dirk Weidner am Bilster Berg.
Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Und auch wenn ich mir sicher bin, dass mein Papa in den ersten Jahren des Pistenclubs sehr viel Spaß am freien Fahren hatte, ist er genauso gerne noch 2025 zu den Events gefahren, um für euch an der Anmeldung zu sitzen und viele bekannte Gesichter zu sehen. Am 22. September ging es dann letztmalig zum Salzburgring und am 17. Oktober zum Bilster Berg. Beide Male mit vielen bekannten Gesichtern. Und beide Male mit einem anschließenden Abendessen im engen Kreis.
Wir haben meinem Papa eine Menge zu verdanken. Wir, das sind der Pistenclub, aber auch ich ganz persönlich. In den mehr als 20 Jahren hat „Onkel Helmut“, wie er vom Pistenclub-Team liebevoll genannt wird, viele Ideen eingebracht und vorangetrieben. So hat er unter anderem Kontakte zu Caterern hergestellt, die eine professionelle Verpflegung bei den Events übernommen haben (die langjährigen Mitglieder unter euch erinnern sich vielleicht noch an die Zeit davor, als es noch regelmäßig Erbsensuppe aus dem großen Topf gab) oder am Hockenheimring mit farblich passenden Tisch- und Bankbezügen für ein schöneres Ambiente in der Pistenclub-Box sorgte.
Und ich? Ich habe ihm alles zu verdanken, was ich in diesen Zeilen geschrieben habe. Ohne ihn und seine Begeisterung für schnelle Autos und sportliches Fahren wäre ich nie zum Pistenclub gekommen und vermutlich auch niemals auf einer Rennstrecke gefahren. Deshalb bleibt nur zu sagen:
Danke, Papa, und danke, Onkel Helmut!
PS: Ich bin mir sicher, dass er auch 2026 bei dem einen oder anderen Event auftauchen wird. Denn die Langeweile freie Zeit ist immer noch da, und das „einfach dabei sein“ auch nach wie vor eine schöne Abwechslung.
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Felix AretzAutor
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